Japanische Bindung oder …die mit den geheimen Seiten?

Viele werden sie kennen – anderen sagt der Begriff überhaupt nichts – und manche können einfach nichts damit anfangen. Ich möchte versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel der Bücher mit den geheimen Seiten zu bringen. Was hat es damit auf sich? Und wie liest man die Bücher am besten?

Drei Bände mit „geheimen Seiten“ sind bisher (Stand Juni 2021) erschienen:

September 2016: Das Grab der Maya von André Marx

ISBN: 978-3440150535 / Kosmos Verlag / 176 Seiten

März 2019: Die Totenkopfbucht von Marco Sonnleitner

ISBN: 978-3440160022 / Kosmos Verlag / 176 Seiten

März 2021: Die Geisterfrau von Andreas Ruch

ISBN: 978-3440170908 / Kosmos Verlag / 176 Seiten


Japanische Bindung… oder verschlossene Seiten?

Die japanische Bindung wurde – wie der Name schon sagt – im Fernen Osten erfunden. Für die Buchseiten werden dabei klassisch keine einzelnen Blätter bedruckt, sondern ein Faltbogen oder eine Rolle Papier. Der Druck erfolgt nur einseitig. Anschließend werden die Seiten durch das Falzen an der Außenkanten erzeugt, sodass sich Seite für Seite eine innenliegende, unbedruckte Seite ergibt. Am Buchrücken erfolgt die Bindung der ebenfalls gefalzten Seiten dann nicht durch das klassische, bei uns übliche Verfahren von gebundenen Büchern. Die einzelnen Seiten werden durch das Durchstechen mit einem Haltefaden fixiert, der mehrfach in kunstvoller Optik und Anordnung von der Ober- bis zur Unterseite des Buchs durchgängig verarbeitet wird. Die Technik der Japanischen Bindung stammt aus einer Zeit, in der Bücher noch nicht maschinell gefertigt werden konnten. In erster Linie bezieht sich diese Technik daher auf Anfertigungen aus Handarbeit. Das Foto zeigt verschiedene Möglichkeiten der Japanischen Bindung am Buchrücken. Vielen Dank an Susanne Heiß / www.nahtlust.de , die mir das Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

(C) Susanne Heiß – http://www.nahtlust.de

Das Gehemnis der verschlossenen Seiten

Redet man bei den drei oben genannten Romanen der Drei Fragezeichen von der Japanischen Bindung, so unterliegt man genau genommen einem Irrtum. Er hat sich bei der Verwendung in Internetforen und Podcasts jedoch als Bezeichnung für die Bücher mit verschlossenen Seiten mittlerweile inflationär durchgesetzt. Der Verlag hat die Bezeichnung der „Japanbindung“ jedoch nie für die Romane mit den verschlossenen Seiten genutzt. Verlagsseitig ist immer nur die Begrifflichkeit „verschlossene Seiten“ oder „geheime Seiten“ zu finden. Im Gegensatz zur traditionellen Japanbindung weisen die Romane nämlich zwei signifikante Unterscheide auf:

  1. Die Innenseite der verschlossenen Seite ist bedruckt
  2. Die Bindung am Buchrücken ist eine klassische Hardcover-Bindung

Was hat es also mit den geheimen Seiten auf sich?

Mit den verschlossenen Seiten bricht die Serie (und die Schriftsteller der Folgen) aus dem gewohnten Drei Fragezeichen-Korsett aus. Ist es seit Beginn der Serie üblich, dass die Leser:innen stets mindestens einen der Drei Detektive in der Geschichte begleiten und somit jederzeit auf dem gleichen Wissensstand sind wie die drei Ermittler, so bieten die Bücher mit den verschlossenen Seiten ein neues Konzept.

Die „offenen“ Seiten erzählen wie gewohnt die Geschichte aus Sichtweise der Drei Fragezeichen, während in den verschlossenen Seiten Informationen oder Erzählungen (aus Sicht der Antagonisten) schlummern, die es für die Leser:innen zu entdecken gilt. Die Leser:innen erhalten somit erstmalig in der Geschichte der Drei Fragezeichen die Möglichkeit, an Informationen zu gelangen, die den Drei Detektiven zum jeweiligen Zeitpunkt in der Geschichte noch nicht bekannt sind. Als Konsument:in erhält man somit stets einen Wissensvorsprung.

Ebenfalls ein Novum ist die Verwendung von Illustrationen und Bildern im Buch. Die Bücher kamen bislang in reiner Textform daher, wenn man einmal von den Graphic Novels absieht, die jedoch nicht zur Romanserie gehören.

Die Bücher mit den verschlossenen Seiten sind zwar nicht als Sepcial gekennzeichnet, jedoch sind sie keinesfalls zur regulären Serie zuzurechnen. Sie werden nicht regulär in die Hörspielreihe von EUROPA eingereiht. Sofern ein Hörspiel dazu erscheint, wird es innerhalb der Hörspielreihe nicht nummeriert sondern ist als Sonderausgabe zu verstehen. Bisher erschien lediglich der Fall „Grab der Maya“ von André Marx als Hörspiel mit Überlänge und einer sehr interessanten Kopfhörer-Version auf allen bekannten Streamingportalen.

Die Herausforderung für die Autoren

Die Autoren der ???-Romane sprechen von ganz besonderen Herausforderungen während des Schreibens. So stehen für die einzelnen Phasen jeweils nur zwei Buchseiten zur Verfügung – nicht mehr, und nicht weniger. Ein Kapitel indes ist zwar seitenmäßig nicht begrenzt, jedoch müssen für die Leser:innen jeweils zwei Seiten mit klassichem Drei Fragezeichen Romatext gefüllt werden, bevor man als Option die verschlossene Seite öffnen kann (oder auch nicht). Denn die Konsistenz der Geschichte soll ebenfalls erhalten bleiben, wenn man als Leser nur die „offenen“ Seiten liest, ohne die Geheimnisse der verschlossenen Seiten in Erfahrung zu bringen.

Wie liest man die Bücher am besten?

Als ich zum ersten Mal ein Buch mit verschlossenen Seiten in der Hand hielt fragte ich mich, wie das Buch am besten zu lesen ist? Sollte ich nur die „offenen“ Seiten lesen und die verschlossenen Seiten zu lassen? Ich gebe zu, dass es durchaus etwas Überwindung kostet, die verschlossenen Seiten zu öffnen. Denn schließlich möchte man sich sein schönes Buch ja nicht „verhunzen“.

Ich las „Grab der Maya“ also zunächst ohne die Seiten zu öffnen. Spätestens in der zweiten Hälfte des Buches wurde es dann schwierig, da es kaum möglich war, der Handlung lückenlos zu folgen ohne die Kenntnis der geschlossenen Seiten zu besitzen. Darüber hinaus finde ich es nett, die Geschichte einmal auf anderem Wege zu folgen als bei den bisher über 210 erschienenen Romanen der Serie.

Meine Empfehlung sei daher, gleich zu Anfang das Messer oder den Brieföffner griffbereit neben sich zu legen (das Öffnen der verschlossenen Seiten erfolgt am Besten mit einem guten Brieföffner oder einem scharfen Messer, da sonst die Ränder zu sehr ausreißen) und Seite um Seite die verschlossenen Informationen sichtbar zu machen. Es ist eine nette Spielerei – probiert es einfach mal aus.

Podcasts

Der spezialgelagerte Sonderpodcast veröffentlichte zum Erscheinungstermin des Romans Die Geisterfrau von Autor Andres Ruch ein Autoreninterview mit weitestgehend spoilerfreien Informationen zum Buch und den besonderen Herausforderungen an den Schriftsteller, ein Buch mit verschlossenen Seiten zu konzeptionieren.

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